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Mittwoch, der 31.05.06
Seit mehr als drei Wochen
treibt in Berlin ein Seriendieb sein Unwesen. Die wertvollsten Kunstgegenstände
waren seine Ziele. Mit List und Tücke überlistete er immer das Wachpersonal und
umging jede Sicherheitsvorkehrung. Den Schaden, den er bis jetzt verursacht
hatte, belief sich auf mehrere Millionen Euro. Eine Sonderkommissionm des LKA
wurde eingerichtet. Die besten Spezialisten arbeiteten an diesem Fall, doch
"Fantomas Enkel", wie Tom ihn spöttisch nannte, schien der Polizei immer einen
Schritt voraus zu sein. Schon dreimal führte er das LKA und die gesamte Berliner
Polizei an der Nase herum. Jedoch nicht nur die Polizei war hinter ihm her, auch
die Presse schien ein Augenmerk auf diesen Meisterdieb geworfen zu haben, ganz
besonders Verena. Bisher wurde bei seinen Einbrüchen nie jemand verletzt. Doch
dies änderte sich schlagartig in einer Nacht.
Wolff und Tom hatten Bereitschaft, da das halbe Präsidium auf der Jagd war.
Während Wolff sich ein Buch durchlas, das er sich für solche Fälle immer
mitgebracht hatte, ruhte Tom seine Augen etwas aus, dabei die Tageszeitung über
sein Gesicht gelegt. Plötzlich schrillte das Telefon und sofort war der junge
Kommissar hellwach.
"Ja, Borkmann? ... So, und wo? ... Wir kommen sofort."; sagte Tom und legte auf.
"Und, was haben wir?", fragte Wolff. "Einen toten Wachmann. Sieht so aus, als ob
Fantomas Enkel sein erstes Todesopfer gefordert hat.", erwiderte Tom.
Beide fuhren auf die Museumsinsel, im Herzen Berlins. Im Pergamonmuseum lag zu
Füßen einer Marmorstatue die Leiche des Wachmannes. Sein Körper wies auf den
ersten Blick keinerlei Spuren hin. Doch Sarah war schon vor Ort und sollte die
Kommissare gleich eines Besseren belehren.
„Guten Morgen die Herren!“
Tom sah auf seine Uhr. Sie zeigte 4.05 Uhr an und er fragte sich wie diese Frau
es immer wieder schaffte um jede noch so frühe Stund so ausgeschlafen
auszusehen. „Guten Morgen Sarah!“ begrüßte Wolff die Gerichtsmedizinerin. Tom
gab den Beiden ein paar Sekunden um einander anzulächeln, bevor er mit der
Befragung startete. „Was ist mit ihm? Man sieht gar nix!“
„Ganz Recht, Herr Borkmann. Auf den ersten Blick sieht man keinerlei
Gewalteinwirkung, aber eben nur auf den ersten… Schauen Sie!“ Dr. Herzog zeigte
auf eine kleine Einstichstelle am Hals des Opfers. „Jemand hat ihm eine tödliche
Injektion gegeben.“
„Eine tödliche Injektion von was?“ „Tja, lieber Tom, DAS müssen wir erstmal
untersuchen!“ Während Sarah und Wolff sich belustigt anlächelten, machte der
junge Kommissar sich mit rollenden Augen auf in Richtung Museum. „Ich schau mich
inzwischen mal um.“ Warf er ihnen kurz zu, bevor er hinter der Eingangstür
verschwand.
„Na hoppla, da hat aber einer keine gute Laune!“
„Ach … er ist nur müde und will nach Hause. Ich glaub der junge Vater kommt mit
dem wenigem Schlaf nicht zurecht, dem ihm seine Tochter lässt.“ Ihr harmonisches
Gespräch wurde durch ein regelrechtes Blitzlichtgewitter gestört. Wolff sprang
hastig auf und stellte sich vor die Leiche des Wachmanns um jegliche Aufnahme
durch die Klatschpresse zu verhindern. „Verlassen Sie das Gelände! Sofort!“
„Hauptkommissar Wolff, ist das das erste Opfer unseres Meisterdiebes? Wieso
konnte er bis jetzt nicht geschnappt werden? Hätte man den Mord nicht verhindern
können?“ Eine Gruppe aus mehreren Kameramännern und einer Handvoll
aufdringlicher Reportern nahmen das Tatfeld ins Visier und knipsten und filmten
was das Zeug hielt.
Via Handzeichen gab Wolff ein paar Beamten Anweisungen die Truppe vom Grundstück
zu verweisen.
„Mein Gott, die haben mir gerade noch gefehlt! … Ich schau mal zu Tom. Sarah,
sobald du genaueres sagen kannst…“ „… gebe ich dir Bescheid!“
„Danke!“ Lächelnd verabschiedeten sich die Beiden vorerst.
Tom stand in einem Gang des Museums und starrte in einen der separat
verschließbaren Räume hinein.
Der Raum war leer, nur in der Mitte stand eine beleuchtete Glasvitrine.
„Nicht!“ Mit einem kräftigen Ruck zog Tom seinem Chef zurück, der gerade dabei
war einen Fuß hinein zuzusetzen um sich das Ganze von Nahen anzusehen.
„Das Alarmsystem ist noch an!“ Jetzt sah es auch Wolff. Etwa in Knöchelhöhe in
kleinstem Abstand über den ganzen Raum verteilt zogen sich rote Linien, die bei
Kontakt sofort den Alarm auslösen würden. „Ich frag mich wie dieser Typ dort
hingelangt ist ohne den Alarm auszulösen?“
„Tja, vielleicht ist er Matrix-Fan und hat sich ein paar Bewegungstricks aus den
Filmen abgeguckt. Oder …oder er ist Superman und ist direkt zu seinem Ziel
geflogen! Was denn? Das könnte der! Frag deinen Enkel!“ Wolff schüttelte lachend
den Kopf. „Sag mir lieber, was gestohlen wurde!“
„Das kann dir Herr Köstritz besser sagen!“ Tom winkte einen Museumsangestellten
zu sich rüber…
Ein großer, jedoch eher
schmächtiger Mann kam auf die beiden zu.
"Das ist Herr Köstritz. Er war der Schichtkollege unserer Leiche da draußen.",
sagte Tom zu seinem Chef.
"Also Herr Köstritz, was wurde gestohlen?", fragte Wolff, nach einer kurzen
Begrüßung.
"Sie sehen dort diese Glasvitrine? Da befand sich bis heute ein seltener
römischer Dolch mit dem Julius Caesar ermordet worden ist.", sagte der Wachmann.
"Könnten sie bitte die Alarmanlage ausschalten, um die Jungs von der
Spurensicherung reinzulassen.", bat Wolff Herrn Köstritz. Dieser tat dies
natürlich ohne Umstände und schaltete die Anlage aus. Sofort konnten die Beamten
der Spurensicherung an die Arbeit gehen.
Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts eine Gruppe von Menschen neben Wolff auf.
"Sagen sie mal, was machen sie denn hier?", fauchte der erste Mann die beiden
Kommissare an. "Sie stören hier einen polizeilichen Zugriff."
"Und sie sind?", fragte Wolff gelassen.
"Hauptkommissar Joe Hoffer, LKA Berlin und Leiter der Sonderkommission
"Meisterdieb". Mit wem habe ich das Vergnügen?", fragte der schon Mitte 40 mit
leicht gegrauter Haarpracht, stattliche Mann mit sarkastischem Unterton.
"Hauptkommissar Andreas Wolff, mein Kollege Tom Borkmann. Wir untersuchen den
Fall des toten Wachmannes dort draußen.", erklärte sich der Ermittler.
"Aha, dann machen sie, dass sie so schnell, wie möglich fertig werden und räumen
sie dann das Feld, bevor sie mir meine Beute verscheuchen.", befahl der
LKA-Beamte.
"Ich fürchte, ihre Beute, wie sie es nennen, war schon hier."; machte Tom den
Hauptkommissar darauf aufmerksam und zeigte in Richtung Vitrine. Hauptkommissar
Hoffer vielen sämtlich Kinnladen runter und er bekam einen Wutanfall. "Verdammte
Scheiße, er ist uns schon wieder entwischt. Los, vielleicht ist er noch in der
Gegend durchsucht das ganze Gelände.", befahl er seinen Leuten. Sofort machten
sich die anderen vier Beamten daran und flüchteten regelrecht vor ihrem
Einsatzleiter. Tom und Wolff schauten nur grinsend hinterher.
„Was ist das denn für ein aufbeblasenes …“ „Tom, brems dich! Wir wollen doch nicht, dass du eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung bekommst. … Was hab ich nur falsch gemacht? Wieso parierst du in meiner Gegenwart nicht so?“
Tom setzte ein breites Grinsen auf und holte gerade zum Kontern aus, als ein Beamter der Spurensicherung zu ihnen herantrat. "Herr Hauptkommissar, wir haben keine Fingerabdrücke gefunden."
„Keine? Das gibt’s doch nicht! Danke! … Das kann doch nicht sein, dass der Mensch nie einen Fehler macht. Irgendwann muss ihm doch mal ein Missgeschick unterlaufen.“
Der junge Kommissar zuckte mit den Schultern. „Na ja der da draußen ist bestimmt sein Missgeschick.“
„Das denke ich nicht. Unser Meisterdieb war vorbereitet. Oder trägst du jeden Tag eine Spritze mit etwas tödlichen bei dir?“
„Selten!“ bemerkte Tom ironisch und sah dabei auf die Uhr.
„Komm hau ab! Ich ruf dich an, wenn Sarah erste Ergebnisse hat und dann treffen wir uns im Büro!“
„Danke Wolff! Du bist … du bist ein toller Chef!“
„Verschwinde, bevor ich es mir anders überlege!“
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Schnell machte er sich auf den Weg zu seiner Familie, um wenigstens ein paar Stunden mit ihnen zu verbringen.
Wolff sah sich indes weiter im Museum um.
Als Tom die Wohnung betrat, saß Verena mit Luis gerade in der Küche beim Frühstück. Im Arm hielt sie die weinende Marie. „Gut dass du kommst! Deine Tochter schreit schon die ganze Zeit.“
„Ja, und das nervt!“ bestätigte Luis. „Guten Morgen, erstmal! Ich freu mich auch euch zu sehen!“
„Ach Spatz!“ Verena gab ihm einen dicken Kuss. Auch Luis sprang sofort auf, umarmte seinen Papa und schmierte nebenbei unbemerkt seine kleine Nutellaschnute an Toms hellem Hemd sauber.
„Na klasse… Na dann komm mal her meine Maus!“ Wie von Geburt an, schien Tom eine besondere Wirkung auf seine Tochter zu haben. In seiner Gegenwart wurde sie sofort ruhig und strahlte übers ganze Gesicht. So auch dieses Mal. „Ich weiß gar nicht was ihr habt. Sie ist doch ein Engel!“ bemerkte er spitz. Verena winkte ab und wechselte behutsam das Thema.
„Hast du einen anstrengenden Dienst gehabt? Du siehst so mitgenommen aus.“
Angetan von ihrer Fürsorge berichtete er von seiner teils langweiligen, teils aufregenden Nacht.
„Und nachdem wir Stunden dumm rum gesessen haben, passierte dann doch noch Mord.“
„Im Pergamonmuseum?“
„Ja, woher weißt du das schon wieder?“ „Aus den Nachrichten…“ Tom erinnerte sich an das Aufgebot der Journalisten die er aus der Ferne vorm Museum gesehen hatte. Vor der Presse etwas geheim zu halten, war schier unmöglich.
„Wer denkt ihr war es? Der Meisterdieb?“ harkte Verena nach. Auch wenn ihr Liebster oft auf sie hereinfiel, dieses Mal durchschaute er sie. „Verena! Du willst mit ausquetschen wegen nem Bericht beim Radio! Vergiss es!“
„Ach Tom! Du weißt ich brauch mal wieder einen Aufreißer, sonst bin ich bei denen abgeschrieben! Du weißt doch wie schwer es junge Mütter heutzutage haben. Sobald du ein Kind hast, musst du es denen doppelt beweisen um nicht gekündigt zu werden.“
Doch er lies sich nicht erweichen. Tom wusste was er für einen Ärger auf dem Revier bekommen würde, wenn er vertrauliche Sachen ausplauderte. Auch nicht für Verena konnte er eine Ausnahme machen.
Inzwischen bei Sarah im Labor…
„Wolff, ich hab Ergebnisse … dreimal darfst du raten mit was er sein Opfer getötet hat!“
Der Kommissar zuckte unwissend
mit den Schultern.
"Mit einem Schlangengift.", antwortete Sarah. Wolffs Gesichtsausdruck schien
lauter Fragen zu haben. "Schlangengift? Von was für einer Schlange?", fragte der
Hauptkommissar. "Da muss ich noch einige Tests durchführen. Es könnte sich um
eine europäische oder eine australische Art handeln, da deren Zusammensetzung
sehr ähnlich ist.", erwiderte die Doktorin und klemmte sich wieder hinters
Mikroskop.
Ein Meisterdieb, der eine Spritze mit präpariertem Schlangegift mit auf seine
Raubzüge nimmt. So einen Fall hatte der Berliner Ermittler noch nie. Im Büro
zurück gönnte Wolff sich erst einmal einen Kaffee. Gerade als er sich die Tasse
eingegossen hatte, klingelte das Telefon. Es war der Museumsdirektor des
Pergamonmuseums.
"Ja, Hauptkommissar Wolff.", meldete sich der Berliner Ermittler.
"Herr Wolff, mein Name ist Dr. Alexander Winkler, Direktor des
Pergamonmuseums.", antwortete ihm eine Stimme vom anderen Ende der Leitung.
"Ja Herr Doktor, was kann ich für sie tun?", fragte Wolff, setzte sich und nahm
einen Schluck Kaffee.
"Es ist folgendes. Der Dolch der gestohlen wurde, war eine Leihgabe des Parisers
Louvre, versichert auf mehrere Millionen Euro. Sollte er bis zum 14. Juli nicht
wieder auftauchen, muss das Pergamonmuseum für den entstandenen Schaden
aufkommen. Das wäre der Untergang dieses Museums.", erklärte Herr Winkler dem
Hauptkommissar.
"Ja, aber das sind ja nur zweieinhalb Wochen." Wolff schaute auf seinen
Kalender, der 26. Juni war aufgeschlagen. "Ich weiß nicht, ob wir bis dahin den
Dieb fassen können. Die Kollegen haben das ja schon in drei Wochen nicht
hinbekommen.", sagte Wolff und nahm einen kräftigen Schluck vom Türkentrunk.
"Bitte Herr Hauptkommissar, es ist von größter Wichtigkeit, das der Dolch bis
dato wiedergefunden wird, sonst kann dies schlimmstenfalls zu diplomatischen
Differenzen führen.", meinte der Museumsdirektor.
"Gut, ich tue mein Möglichstes, Doktor Winkler, auf Wiederhören.", entgegnete
Wolff und legte auf. "Mein Gott, das so ein kleiner Zeuge der Geschichte so
wichtig für zwei Länder ist, hätte ich nicht für möglich gehalten.", dachte
Wolff.
Inzwischen ruhte sich Tom auf seiner Couch weiter aus...
Marie lag seelenruhig auf ihm und schlief. Es schien als könnte sie nichts aber
auch gar nichts aus der Ruhe bringen. Bis Luis auf die glorreiche Idee kam die
Lautstärke der Stereoanlage um einiges anzuheben. Wie auf Bestellung begann das
Baby lauthals zu schreien, Tom schreckte aus seinem Sekundenschlaf hoch und
Verena zuckte so zusammen, dass ihr ein Teller aus der Hand klirrend zu Boden
fiel. „Luis!“ brüllten sie fast synchron. Seine Mundwinkel zuckten, Verena
wusste was jetzt kommen wird. „Ich hab doch gar nichts gemacht!“ verteidigte
sich der kleine Mann eifrig.
Seine Eltern schauten ihn verärgert an, Marie weinte immer noch bitterlich. Luis
verschränkte die Arme vor sich und guckte finster drein. „Nur weil die immer
gleich heult, bekomm ich Ärger! Seit die da ist, hast du mich gar nicht mehr
lieb!“ Verena war klar, dass sich das Gesagte gegen Tom richtete. Ihr Sohn hing
unheimlich an ihrem Partner und hatte arge Probleme ihn mit einem
Geschwisterchen zu teilen.
„Jetzt reicht es aber Luis! Du weißt genau dass das nicht stimmt!“
„Doch! Ich will dass Tom geht! Und Marie soll mitgehen!“ Tom blieb der Mund
offen stehen. Obwohl er genau wusste, dass das nur eine Trotzreaktion eines 7
jährigen war, trafen ihn diese Worte wie ein Schlag.
Just in diesem Moment klingelte sein Handy. Er gab Verena Marie auf den Arm und
meldete sich.
„Ja… ich bin gleich da.“ Tom steckte das Handy zurück in seine Hosentasche,
schnappte sich seine Jacke und die Autoschlüssel. „Ich muss los.“ Nach einem
schnellen Kuss verschwand er in Richtung Auto.
Nach 10 Minuten erreichte er seinen Arbeitsplatz. Wolff klemmte hinter einem
dicken Ordner an seinem Schreibtisch, als er das Büro betrat.
„Na war’s schön zuhause?“
„Ja“ war das Einzige was er zur Antwort bekam, was ihm deutlich zeigte, dass
Fragen jetzt unerwünscht waren.
„Und was gibt’s Neues?“ Wolff blätterte ein paar Seiten zurück und deutete auf
Sarahs Untersuchungsergebnisse.
„Schlangengift?“ „Ganz genau Tom! Wir haben es hier mit einem außergewöhnlichen
Ganoven zutun. Nicht dass er nur ein Profidieb ist. Nein, bei der Auswahl der
„Tatwaffe“ möchte er sich auch von allen anderen Mördern abheben.“
Der junge Kommissar blätterte weiter in dem Ordner. Nachdenklich sah er sich
jedes Detail an. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Mord geplant hat.“
„Du denkst er ist ihm nur in die Quere gekommen und musste deswegen sterben?“
„Bei seinen letzten Raubzügen ist nie jemand zu Schaden gekommen. Er hatte es
immer einzig und allein auf die Kunstsachen abgesehen. Warum sollte es dieses
Mal anders sein?“
Wolff zuckte mit den Schultern. Bisher tappte auch er völlig im Dunkeln. „Tom,
da gibt’s noch etwas. Der Direktor des Pergamonmuseums hat mich gebeten, das
Diebesgut innerhalb zweieinhalb Wochen sicherzustellen. Wenn wir das nicht
schaffen, muss das Museum für den Diebstahl aufkommen.“
Völlig unbeeindruckt nahm Tom sich einen Schluck vom Kaffee und setzte sich
Wolff gegenüber. „Ja und? Ist das unsere Aufgabe? Dafür gibt es die
Sonderkommission. Wir sind hier um den Mord an dem Wächter zu klären und nicht
um irgendwelchen Schnickschnack zu finden.“
Sein Chef schmunzelte. „Der Schnickschnack ist mehr wert, als du jemals besitzen
wirst.“
Tom zuckte mit den Schultern. „Die werden doch wohl versichert sein gegen
Diebstahl!“
Das meinte Wolff allerdings auch, doch sicher war er sich da nicht. Er
telefonierte noch einmal mit Dr. Winkler und fragte nach der Versicherung des
Dolches.
"Tja, das ist ja das Problem.", antwortete der Direktor. "Erst bei
Ausstellungsbeginn tritt die Diebstahlversicherung in Kraft und die Ausstellung
sollte heute beginnen.", sagte Dr. Winkler. Wolff bedankte sich bei ihm und
legte auf. "Tja Tom, die Versicherung wäre erst heute in Kraft getreten.", sagte
Wolff zu seinem Kollegen. "Das bedeutet ja, der Dieb hat schon vorher was von
dem Dolch gewusst, bevor er in Berlin eintraf.", spekulierte der Kommissar. "So
sehe ich das auch. Trotzdem müssen wir wohl den Dolch wiederfinden." "Das glaube
ich nicht.", sagte eine Stimme. Wolff und Tom drehten sich um und sahen, dass
Hauptkommissar Joe Hoffer im Büro stand. "Sie werden schön die Finger von diesem
Fall lassen. Das ist mein Fall, verstanden?", blaffte er die beiden an. "Herr
Kollege, sie werden doch verstehen, dass wir indirekt in diesem Fall mit
ermitteln. Schließlich hat der Dieb einen Menschen getötet.", erklärte Wolff
seinem Kollegen vom LKA. "Ich glaube nicht, dass der Dieb und ihr Mörder ein und
dieselbe Person sind." "Und warum nicht?", fragte Tom. "Weil ich drei Mal kurz
davor war ihn zu verhaften und jedes Mal ist er mir entkommen. Wenn man jemanden
jagt, dann studiert man ihn gleichzeitig. Meine Menschenkenntnis sagt mir, er
hat nichts damit zu tun.", erwiderte der LKA-Mann. "Und wer meinen Sie, könnte
dann den Wachmann getötet haben?", fragte Tom ein weiteres Mal. "Was weiß ich,
das ist ja schließlich ihr Resoir.", sagte Hoffer und verließ das Büro.
"Was für ein ..." "Tom.", hielt ihn sein Chef zurück. "Ist doch wahr, Wolff.
Seine Menschenkenntnis, das ich nicht lache." "Wir sollten diesem Meisterdieb
eine Falle stellen, ihm einen Gegenstand präsentieren auf den er nicht
verzichten kann.", meinte Wolff. "Und wie willst du das anstellen, ohne diesen
LKA-Wachhund zu wecken?", wollte Tom von seinen Chef wissen. "Wir müssen halt
erstmal das studieren, was er in den letzten Wochen gestohlen hat, uns mit
diesen Fall vertraut machen." "Aber wie? Das LKA hat doch sämtliche Akten über
den Fall." "Das lass mal meine Sorge sein. Ich habe da einen alten Freund, der
beim LKA arbeitet. Der könnte uns weiterhelfen. Doch jetzt zu unserem Fall.
Hatte unsere Leiche eine Familie?", fragte der Hauptkommissar. Tom blätterte in
den Akten und: "Ja, einen Freund, mit dem er zusammen wohnte.", sagte Tom mit
einem abfälligem Unterton. "Gut, dann fahren wir mal zu ihm.", sagte Wolff. Toms
Gesicht sah alles andere als glücklich darüber aus, doch er musste mit.
Der BMW kam in der Nähe des Potsdamer Platzes an. ...
„Ziemlich edle Wohngegend für nen einfachen Wachmann. Scheint gut verdient zu
haben.“ Tom musterte das sehr teuer wirkende Wohnhaus.
„Vielleicht ist sein Lebenspartner ein wohlhabender Mann?“ bemerkte Wolff und
lief zum Hauseingang. „Er wohnt ganz oben. Ich hoffe hier gibt es einen
Fahrstuhl.“
„Wolff ein bisschen Bewegung tut dir auch mal gut.“ Tom griente und deutete mit
dem Finger ein paar Meter vor sich. „Aber du hast noch mal Glück gehabt.“ Die
Beiden stiegen in den hochmodernen Fahrstuhl und fuhren in die 10. Etage.
Auf der Etage gab es 3 Wohneinheiten, in der im hintersten Teil des Ganges
wohnte das Mordopfer.
Wolff betätigte den Klingelknopf. Erst beim dritten Mal öffnete ein schmächtiger
Mann, Anfang 30, die Tür.
„Herr Pommer? Ich bin Hauptkommissar Wolff, meine Kollege Tom Borkmann. Wir
ermitteln in…“
„Kommen sie rein!“ unterbrach der Herr die Beiden und lief in das
sonnendurchflutete Wohnzimmer. Auf seinem Wunsch hin folgten sie ihm und nahmen
auf der schwarzen Ledercouch Platz.
Herr Pommer war bekleidet mit einem roten Morgenmantel, seine Haare wirkten
zerzaust. Wie ein Häufchen Elend saß er auf einem mit Kunstfell bezogenen
Sessel. Tom sah sich das Ganze argwöhnisch an. Er konnte sich nicht vorstellen
wie ein erwachsener Mann so kindlich wirken konnte. Was er noch weniger verstand
war die Tatsache, dass er mit einem Mann zusammen war. Aber dazu wollte er nix
sagen. Wolff hatte ihm schon des Öfteren Intoleranz diesbezüglich vorgeworfen.
„Herr Pommer, es tut uns sehr Leid was mit ihrem Lebenspartner passiert ist. Wir
möchten ihnen gerne ein paar Fragen stellen die uns in den Ermittlungen
vielleicht weiterhelfen können.“
Ein Nicken gab Wolff das Zeichen loslegen zu können. „Wie lange sind sie ein
Paar gewesen?“
„Morgen wären es genau 333 Tage gewesen. Wir wollten das ganz romantisch
feiern.“
Tom drehte sich mit verzogener Miene zum Fenster. Er überlegte wie lange er
inzwischen mit Verena zusammen war. Es waren an die 2 Jahre, so genau wusste er
das nicht. Wahrscheinlich musste man schwul sein um sich so was so genau zu
merken. Er lauschte wieder den Worten seines Chefs.
„Hatte Herr Kramer Feinde? Könnten sie sich vorstellen wer ihm etwas antun
könnte?“
Der junge Mann schlug seine Hände auf die Brust und blickte beide mit offenem
Mund an. „Um Gottes Willen, sie denken jemand hat Herbert absichtlich getötet?
Ich dachte … ich dachte dieser Dieb…“
„Herr Pommer, im Moment ermitteln wir in alle Richtungen.“
Ein herzergreifendes Weinen schallte jetzt durch den Raum. Wolff rempelte Tom
mit dem Knie an seins. Er deutete auf die Taschentuchpackung direkt vor dessen
Nase. Tom rollte genervt mit den Augen, stand dann aber doch auf und reichte sie
dem jungen Mann.
„Danke … das ist sehr lieb von ihnen.“ Schnell flüchtete er sich zurück aufs
Sofa und wartete darauf dass Wolff das Gespräch weiterführte.
"Herr Pommer, was sind sie eigentlich von Beruf?", fragte Wolff.
"Innenarchitekt, ich entwerfe Büroräume und auch Wohnungen.", antwortete er und
war für einen Moment von seiner Trauer abgelenkt.
"Na, dann war er bei seiner Wohnung blind.", dachte sich Tom.
"Um auf ihre Frage zurück zukommen. Es gab da jemanden, der Herbert hasste.",
sagte der Innenarchitekt und schnäuzte sich.
"Und wer ist dieser Jemand?", wollte Tom wissen und ließ ihn dabei etwas seine
Abneigung spüren.
"Sein Ex-Freund Robert Schiffer. Er war mit Herbert etwa um die 4 Jahre
zusammen, dann hat er Schluss gemacht, weil Robert ihn mit einem anderen
betrogen hat, doch Robert konnte die Trennung nicht überwinden und hat ihn
förmlich belagert.", erklärte Herr Pommer.
"Wo finden wir diesen Herrn Schiffer?", fragte Wolff.
"Er arbeitet im biologisch-medizinischen Institut in der Rankestraße, so weit
ich weiß.", antwortete Herr Pommer.
Wolff und Tom bedankten sich und ließen den Mann alleine. Auf dem Weg zum Auto
klingelte Wolffs Handy. Sarah war dran. "Wolff, ich habe was Neues für euch.
Kommt mal in mein Labor.", sagte sie und legte auf.
So schnell, sie konnten waren sie auch schon bei der Doktorin. "Also, was gibt
es so dringendes, Frau Doktor?", fragte Tom.
"Also, das Gift stammt von
einer australischen Schlangenart und zwar von der giftigsten Sorte überhaupt:
des Inlandtaipans. Diese Schlangenart ist in den felsigen Regionen des Outbacks
beheimatet und sehr giftig. Eine Ladung dieses Gifte reicht aus, um 100 Menschen
zu töten.", erklärte die Doktorin. Die Kommissare hörten gebannt zu.
"Wie lange lebte er noch, als ihm das Gift eingeflößt wurde?", wollte Wolff
wissen.
"Nicht mehr als 2 Sekunden.", antwortete Sarah.
"So schnell.", stellte Tom verwundert fest.
"Ja, da die Spritze direkt in ein Blutgefäß gestochen wurde. Es gab keine
Rettung mehr. Aber was noch viel interessanter ist, ich habe Spuren von
Chloroform im Mund- und Nasenbereich gefunden."
"Moment, der Mann wurde zuerst betäubt und dann hat man ihm die Todesspritze
gesetzt?", fragte der Hauptkommissar verblüfft. "Exakt, damit wäre meine Arbeit
erledigt. Nun seid ihr dran.", sagte Sarah und grinste ein wenig.
Wolff und Tom verließen das Labor und gingen zu ihrem Wagen.
"Also, jemand betäubt den Wachmann und jagt ihm dann eine mit Schlangengift
präparierte Spritze in den Arm. Wieso?", stellte Tom in den Raum.
"Keine Ahnung, Tom, wir werden es schon herausfinden. Aber vorerst sollten wir
mal den Ex-Freund des Opfers befragen.", sagte Wolff und stieg in den BMW.
Ihr Wagen fuhr in die Rankestraße, vor einem kasernenähnlichen Gebäude hielt
Wolff den Wagen an. "Biologisch - Medizinisches Institut" stand auf dem Schild.
Die Kommissare gingen zum Pförtner.
„Guten Tag, wir suchen einen Herrn
Schiffer. Robert Schiffer. Wo können wir den finden?“
Der Pförtner würdigte die Beiden keines Blickes, sondern las seelenruhig in
seiner Tageszeitung weiter.
„Wer will das wissen?“
Genervt zuckte Tom seines Dienstausweis und hielt ihm den unter die Nase.
„Polizei? Oh, ist etwas passiert?“ der Pförtner faltete die Zeitung zusammen und
blickte neugierig auf. „Wo können wir ihn finden?“ wiederholte Tom Wolffs Frage,
ohne darauf einzugehen.
„Er müsste oben im Labor sein.“
„Wo oben?“
„Zweites Obergeschoss, Tür 312.“
Wolff bedankte sich kurz und verschwand mit seinem jungen Kollegen im Fahrstuhl.
„Unfreundliches Pack, diese Bullen…“ fluchte der Angestellte und widmete sich
wieder seiner Lektüre.
„Bin ja mal gespannt, was das wieder für ein Sahnebonbon ist.“ Tom betrat als
erster das Labor, Wolff folgte ihm schmunzelnd.
Zwei Männer im weißen Kittel lehnten über einem dicken Ordner und diskutierten
gerade über einen durchgeführten Versuch, als Tom lautstark auf sich und seinen
Chef aufmerksam machte.
„Herr Schiffer? Wir sind von der Kripo Berlin und möchten uns gerne mit ihnen
unterhalten! Alleine!“ fügte er hinzu. Schiffers Kollege verließ murrend das
Labor.
„Um was geht’s denn? Habe ich etwas verbrochen?“
„Ich weiß nicht. Sagen sie’s uns!“ Wolff unterbrach seinen Kollegen und übernahm
das Gespräch. Er wollte nicht, dass er so mit dem Exfreund des Toten sprach.
„Herbert … ist ermordet wurden.“ Der Mittvierziger Mann sah entsetzt zu den
Kommissaren. „Das … das kann doch gar nicht sein. Ich habe ihn doch erst vor ein
paar Tagen gesehen… er kann doch unmöglich tot sein.“ Robert setzte sich auf
einen der Drehhocker die im Labor herumstanden. Vom Typ her glich er seinem
Nachfolger gar nicht. Seine Statur war kräftig, er trug eine modische
Kurzhaarfrisur und keinerlei Schmuck. Im Gegensatz zu Pommer roch er auch nicht
wie eine Mischung aus Lavendelblüten und Himbeersirup. Tom musste sich
eingestehen, dass ihm nicht aufgefallen wäre, dass er schwul war.
„Sein neuer Freund, Herr Pommer hat uns erzählt, dass sie mit der Trennung nicht
zurecht kamen.“
Schiffer nickte Tom bestätigend zu. „Das ist richtig. Ich liebe ihn immer noch
und bereue meinen Fehltritt. Bevor sie weiterreden … ja ich habe mich oft bei
ihm gemeldet. Ich wollte ihm deutlich machen wie Leid mir das alles tut. Ich hab
gehofft, dass er irgendwann zu mir zurückkommt.“
Während die Beiden sprachen, sah sich Wolff im Labor um. Eine Menge
Reagenzgläser mit Flüssigkeiten in unterschiedlichsten Farben standen auf einen
der Arbeitstische.
„Nicht anfassen!“ Der Hauptkommissar zog erschrocken seine Hand zurück. „Was ist
denn da Gefährliches drin?“
„Schlangengift. Wir erproben Gegenmittel für das Gift einer besonders
gefährlichen Schlange. Leider stecken wir noch völlig am Anfang.“ Erklärte der
Wissenschaftler.
Die Ermittler sahen sich überrascht an…
"Welcher Schlange denn?",
fragte Tom neugierig.
"Einer australischen Schlange - der Inlandtaipan. Wir haben ein internationales
Projekt mit der University of Sydney. Diese Schlange ist sehr rahr und
unglaublich scheu, wissen sie.", erklärte der Biologe.
"Dafür aber auch die tödlichste, oder?", meinte Wolff.
"Richtig Herr Hauptkommissar, aber warum interessieren sie sich gerade für diese
Schlange?", fragte Herr Schiffer.
"Weil ihr Freund mit dem Gift dieser Schlange getötet wurde.", sagte Tom.
"Was sagen sie da? Wie ist das denn passiert?", fragte der Biologe entsetzt.
"Das Gift wurde ihm in eines seiner Blutgefäße injiziert. Könnten wir mal die
Schlange sehen?", forderte Wolff den Mann auf.
Der Mann ging vor den Kommissaren aus dem Labor heraus und betrat den Fahrstuhl.
Die Drei fuhren in den untersten Stock des Instituts. Wolff und Tom folgten dem
Biologen in einen Kellerraum, wo allerhand Therarien standen. Herr Schiffer
knipste das Licht an und bat die Kommissare herein.
"Hier meine Herren liegt das Heiligtum unserer Abteilung.", sagte er und war
sichtlich stolz auf seine Forschung. Die Therarien waren mit Schlangen und
Spinnen aller Art gefüllt. An einigen stand "Giftig", an anderen "Harmlos",
meist überwiegte das "Giftig".
Sie gingen in den hinteren Teil des Raumes und standen vor einem leeren
Therarium. "Was soll das?", schrie Schiffer und starrte in den Glaskasten. "Wo
ist die Schlange?", meinte er kurz.
"Herr Schiffer?"
"Die Schlange ist weg. Jemand hat sie gestohlen.", erklärte er den Kommissaren
und verwies auf das aufgebrochene Schloss am Kasten. "Aber wer könnte ein
Interesse haben, eine Schlange zu steheln?", fragte er mehr zu sich, als zu den
Kommissaren.
"Jemand, der einen Wachmann umbringen wollte.", sagte Tom und rief die
Spurensicherung.
Innerhalb kürzester Zeit
trafen die Kollegen ein und durchsuchten den Raum auf jegliche Spuren. Doch
außer den Fingerabdrücken der Angestellten waren keine weiteren zu finden.
„War ja nicht anders zu erwarten.“ Maulte Tom. „Wer sagt eigentlich dass dieser
Schiffer nicht selbst die Schlange geklaut hat um das Leben seines Ex
auszuknipsen?“
„Das klingt logisch, für mich schon zu einleuchtend. Und vor allem was soll
Schiffer mit dem Diebstahl zutun haben?“
„Was weiß ich, vielleicht hat er das Ding geklaut um den Verdacht auf unseren
Meisterdieb zu lenken?“
Wolff sah Tom schmunzelnd an. „Tom… ich glaub zwar dass er mit Schlangen gut
umgehen kann, aber ein so ein Hightech- Sicherheitssystem auszutricksen? Das
kann ich mir nicht vorstellen. Beim besten Willen nicht.“
Ihre Diskussion wurde gestört durch das Klingeln von Toms Handy. Bevor er
ranging, schaute er auf seine Uhr, sie zeigte inzwischen fast 8 an. „Ist
bestimmt Verena…“ Doch da sollte er Unrecht haben. „Luis? Ist was passiert?“
Wolff sah sofort auf, als er mitbekam dass sein Enkel dran war. Der Kleine
weinte bitterlich, dass konnte er von weiten hören.
„Kommst du gar nicht mehr nach Hause? Ich hab das doch nicht so gemeint. Bitte
komm wieder zu uns!“ Tom war gerührt. „Luis, na klar komm ich wieder. So schnell
wirst du mich nicht los. Ich muss aber noch ein bisschen arbeiten.“
„Was denn bei euch los?“ wollte sein Fast- Schwiegervater sofort wissen.
„Luis ist im Moment sehr eifersüchtig auf Marie. Und aus seiner Wut heraus, hat
er sich gewünscht dass seine Schwester und ich für immer verschwinden. Aber
jetzt scheint vorerst alles wieder OK zu sein, also lass uns weitermachen!“ Mit
vollem Arbeitseifer und einem breiten Lächeln auf den Lippen, schritt Tom wieder
zu Schiffer um ihn noch ein paar Fragen zu stellen.
Der Mann stand da, kaute an
seinen Fingernägeln und starrte in den Glaskasten.
"Wissen Sie, wer ein Interesse daran haben könnte diese Schlange zu stehlen?",
fragte Tom.
"Nein, sie ist sehr agressiv, wenn sie sich bedroht fühlt, aber auch sehr
selten. Sie ist eigentlich vom Aussterben bedroht.", sagte der Biologe zum
Kommissar und kaute weiter an seinen Fingernägeln.
"Wer hat alles Zutritt zu diesem Raum?" "Jeder Mitarbeiter mit seiner Chipkarte
und die Wachmänner nachts.", entgegnete Robert Schiffer. "Und zu den Therarien?",
fragte Tom hinterher. "Zu den nur mit einem Schlüssel. Wir müssen unsere
Schlüssel zum Feierabend alle abgegeben, damit ein Diebstahl nicht vorkommt.",
erklärte Robert Schiffer. "Ich bräuchte eine Liste aller Mitarbeiter und deren
Karten. Kann ja sein, dass eine fehlt.", wies Tom den Biologen an und ging zu
Wolff zurück.
"Na, was erzählt unser Schlangeexperte?", fragte Wolff, als er neben einem Mann
der Spurensicherung stand.
"Dass jeder mit einer Chipkarte Zutritt zu diesem Raum hat. Und die Schlüssel
werden jeden Abend weggesperrt.", entgegnete der Kommissar.
"Alles sehr mysteriös.", meinte Wolff. "Wir sollten uns so schnell, wie möglich
um diesen Meisterdieb kümmern, aber nicht mehr heute. Machen wir Feierabend.",
sagte Wolff. Tom war sichtlich erfreut über diese Entscheidung. Er fuhr seinen
Chef zurück zum Präsidium und machte sich dann selbst auf den Heimweg.
Als er mit seinem BMW in seine Straße
einbog, konnte er Luis schon am Fenster stehen sehen. Tom wusste, dass das
Eifersuchtsproblem noch lange nicht aus der Welt war, aber er war erfreut, dass
es für heute sicher keinen Ärger mehr geben würde.
Luis begrüßte ihn stürmisch an der Wohnungstür und schien sichtlich froh zu
sein, dass sein Wunsch, Tom würde nie wieder kommen, nicht in Erfüllung ging.
„Na Großer, alles wieder OK?“ Ein eifriges Nicken gab ihm die erhoffte Antwort.
Er ließ Luis wieder von seinen Armen gleiten und ging in die Küche, wo Verena
gerade dabei war, das Abendbrot aufzutischen. Ohne eine große Begrüßung fing sie
an ihn zu belehren. „Tom, das ist auch keine Lösung! Du kannst nicht jedes Mal
über die Launen von Luis hinweggucken und anschließend so tun als wäre nix
gewesen! Er wird nämlich immer frecher.“
„Ach, ist das jetzt meine Schuld?“ „Das hab ich überhaupt nicht gesagt! Ich
meine nur, dass du auch mal durchgreifen musst!“ „Also ist es ja doch meine
Schuld!“ Verena rollte genervt mit den Augen. „Jetzt dreh mir nicht die Wörter
im Mund herum! Or man Tom! Wieso bist du denn gleich eingeschnappt nur weil ich
dir mal nen Rat gebe?“ Die Lautstärke des Gespräches war sehr angestiegen, was
zur Folge hatte, dass Marie wach wurde und lauthals zu schreien begann.
„Das hast du ja wieder toll hingekriegt!“ blaffte Verena ihn an und verschwand
im Schlafzimmer um ihren Mutterpflichten nachzugehen.
Toms Lippen formten das Wort „Zicke“. Zum Glück so leise, dass es Verena nicht
hören konnte.
Den restlichen Abend fiel kein Wort mehr über Erziehungsmaßnahmen, allerdings
auch kein anderes. Sie schliefen Rücken an Rücken.
Schlecht gelaunt startete Tom in den nächsten Tag. Einen Vorteil hatte ein
Streit mit Verena immer. Tom war pünktlich auf Arbeit. So auch dieses Mal.
„Morgen Wolff…“
„Ja guten Morgen! Lass mich raten, es herrscht mal wieder Bombenstimmung bei
euch zuhause?“
Tom verzog das Gesicht zu einen ironischem Grinsen und ließ sich mit einer Tasse
Kaffee an seinem Schreibtisch nieder.
"Gibt es was Neues?", fragte er, um vom Thema abzulenken.
"Ja, ich habe gestern Abend noch mit meinem Freund beim LKA gesprochen und er
lässt uns Kopien der Akten so schnell, wie möglich zukommen. Aber dies muss
unter uns bleiben, Tom. Wenn der leitende SoKo- Kommissar oder unser
Staatsanwalt was davon mitbekommt, dürfen wir wieder Strafzettel am Hauptbahnhof
verteilen.", sagte Wolff scherzhaft, um seinen Kollegen etwas aufzumuntern.
Tom hörte zwar zu, war aber auch gleichzeitig mit seinen Gedanken bei Verenas
Bemerkung von gestern. Auf der einen Seite hatte sie Recht: Luis wird ein wenig
zu übermütig. Aber wie sollte er es dem Kleinen klarmachen, ohne damit seine
Gefühle für ihn zu verletzen.
"Tom? Hörst du mir überhaupt zu?", fragte sein Chef. Der Junge Kommissar wurde
aus seinen Gedanken gerissen.
"Ja natürlich.", antwortete er schnell.
"So, und was habe ich dann gesagt?", fragte Wolff nach. Tom überlegte und musste
sich gestehen, dass er nur die Zusage für die Akteneinsicht verstanden hatte.
"Äh...", war alles, was aus seinem Mund herauskam.
"Ja, ganz recht...", bevor Wolff weitermachen konnte, klingelte das Telefon. Es
war das Labor. Das einzige, was sie am Tatort des Schlangendiebstahls fanden,
war ein bisschen Gift dieser Schlange und weiter nichts. Wolff wies an, das Gift
sofort zu Sarah zu bringen, ob das auch von der gleichen Schlange stammt.
"Tom, wir müssen unserem Meisterdieb eine Falle stellen und zwar eine, bei der
er mit 100%iger Sicherheit anbeißt.", sagte Wolff zu seinem Partner.
"Aber wie willst du das machen? Erstens wissen wir nicht, wofür er sich konkret
interessiert und zweitens haben wir nichts, was wir ihm anbieten können.
Außerdem glaube ich nicht, dass uns unser geschätzter Staatsanwalt dafür eine
Erlaubnis geben wird.", erwiderte Tom.
"Sei doch nicht immer so pessimistisch, wenn es um solche Sachen geht. Ich werde
nachher mit ihm reden, vielleicht erreiche ich ja was bei ihm.", antwortete
Wolff, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und tüftelte einen Plan aus.
Um 12 Uhr klopfte es dann an der Bürotür. "Ja bitte.", sagte Wolff und schaute
hoch. Zwei Polizisten brachten vier dicke Aktenordner, die scheinbar die Kopien
der SoKo- Akten sein mussten.
"Na, viel haben die ja nicht gerade über diesen Dieb.", meinte Tom mit
ironischem Unterton.
"Stimmt, der ist schon drei Wochen an der Arbeit. Scheinbar hängt das mit den
Lagen der Spuren zusammen. Fantomas Enkel hinterlässt ja so gut, wie keine.",
fügte Wolff hinzu. Beide machten sich an die Arbeit, um für die bevorstehende
Aufgabe soviel, wie möglich über diesen Meisterdieb zu wissen.
„Und Tom? Was Brauchbares gefunden?“ Wolff legte seinen Ordner beiseite und
wartete auf Antwort seines Kollegen. Der starrte zwar in die vor ihm liegenden
Akten, schien aber geistig ganz woanders zu sein. „Tom!“ Erschrocken sah er auf.
„Ja? Hast du was gefunden?“
„Das habe ich dich gerade gefragt.“
„Nicht wirklich … ich glaube diese Pappnasen der Sonderkommission „Sucht
Fantomas“ sind in Wahrheit Aushilfsklempner. Das sind doch keine Ermittlungen
die die machen. In all den Wochen haben die scheinbar nichts rausgekriegt, außer
dass unser Dieb es auf irgendwelchen Kunstschrott abgesehen hat.
Spitzenleistung!“
Wolff musste schmunzeln. Sein Schwiegersohn konnte sich herrlich über Dinge
aufregen. Zum Glück drangen seine Formulierungen meist nur in das Ohr seines
Chefs. Andernfalls hätte es schon öfter Ärger von Oben gegeben. Da war Wolff
sich sicher.
„OK, such du weiter die Akten durch! Ich schau der Weile mal zum Staatsanwalt.
Mal sehen was ich erreichen kann.“ Unter den brummigen Blick Toms verschwand er
aus dem Büro.
„Super, immer muss ich diesen Scheiß machen.“
Nach einer Stunde hin und herblättern in den Ordnern, Wolff war immer noch nicht
da, gönnte sich Tom erstmal einen Kaffee. Ein lautes Klopfen an der Tür erschrak
ihn so sehr, dass er das heiße Getränk fast auf seine Hose schüttete. „Herein!“
Das hätte er lieber nicht sagen sollen. Ein äußerst schlecht gelaunter Mann, der
ihm sehr bekannt vorkam, betrat mit schnellem Schritt das Büro. Es war der
Einsatzleiter der Sonderkommission, Hauptkommissar Hoffer. Mit dabei eine seiner
Untertanen. Tom stellte sich mit den Rücken vor seinen Schreibtisch. Auf keinen
Fall sollte Hoffer die Unterlagen zu Gesicht bekommen.
„Borkmann! Mir ist zu Ohren gekommen dass sie und Wolff in meinem Gebiet
schnüffeln.“
„Wer sagt denn so was? Das geht uns doch gar nix an. Wir ermitteln einzig und
allein im Mordfall des Wachmanns. Mehr nicht. Was interessiert mich diese
Fantomas- Kopie?“
Hoffers Begleitung, eine junge, äußerst attraktive Frau mit dunkelblonden Haaren
und stahlblauen Augen, schielte lächelnd auf den Ordner den Toms Rücken nicht
ganz verdecken konnte. Tom lief es kalt den Rücken runter. Jeden Moment würde
sie ihren Chef darauf aufmerksam machen und es gäbe tierisch Ärger. Doch aus
irgendeinem Grund tat sie es nicht. Stattdessen lächelte sie ihn weiter an und
sagte kein Wort.
„Ich warne sie Borkmann, wenn ich sie erwische… wenn ich merke dass sie ihre
Nase in meinen Fall reinhängen, dann machen sie sich auf etwas gefasst!“ Wütend
öffnete er die Bürotür, die schwungvoll gegen die Wand knallte. „Schönen Tag
noch!“ rief Tom ihm mit ironischem Unterton hinterher.
Die junge Beamtin zwinkerte ihm lächelnd zu und schloss die Tür hinter sich.
Erleichtert ließ er sich in seinem Drehstuhl fallen. Das war noch mal gut
gegangen. Ihm war zwar völlig unklar warum sie ihn nicht verraten hat, aber das
war ihm vorerst egal.
Wolff war inzwischen beim Staatsanwalt angekommen. Er musste versuchen eine
Erlaubnis für die Parallelermittlung zu bekommen. Zwar war Herr Berger kein
einfacher Mensch, wie er gerne gegenüber Tom zeigte, doch nach einigen Monaten
wusste Wolff schon, wie sein "Chef" lief.
Wolff klopfte drei Mal. Ein nicht sehr freundliches "Herein" hallte ihm
entgegen. Der Hauptkommissar trat herein und blickte auf einen arbeitenden und
vor lauter Aktenlatein schon rauchenden Staatsanwalt Berger. Wolff räusperte
sich ein paar Mal, bevor der Jurist ihn ansah und bemerkte.
"Ah, Herr Wolff. Gibt es was Neues im Falle des toten Wachmannes?", fragte er
gleich.
"Wir wissen jetzt, dass er mit Schlangengift ermordet wurde, das wahrscheinlich
von der Schlange stammt, die der Ex-Freund des Opfers gerade untersucht.",
erklärte Wolff.
"Und worauf warten sie dann noch: einkassieren, verhören, in die Mangel nehmen,
bis er gesteht.", wies der Jurist den Hauptkommissar an und schrieb dabei weiter
sein Plädoyer für eine Verhandlung.
"So einfach ist das nicht. Die Schlange wurde entwendet. Außerdem hat der Mann
kein Motiv.", erklärte Wolff, um seine Ermittlungen zu rechtfertigen. Manchmal
machte ihm die Denkweise des studierten Juristen doch sehr zu schaffen.
"Herr Staatsanwalt, ich bräuchte eine Erlaubnis, um in dem Fall Meisterdieb
parallel zu der SoKo zu ermitteln. Wir vermuten die Antwort auf all unsere
Fragen in diesem Dieb."
Der Staatsanwalt blickte interessiert auf, überlegte dann einige Momente und
öffnete dann eine Schublade. Er zog einen Antrag hervor, schrieb einige Wörter
auf das Papier, strich was durch und setzte seine Unterschrift darunter.
Wolff hatte nicht damit gerechnet, dass es so einfach gehen würde.
"Wie, das war alles?", fragte er, als Berger ihm das Papier entgegenstreckte.
"Was meinen Sie, Herr Hauptkommissar?"
"Sonst gibt es immer noch eine Ermahnung oder bestimmte Anweisung, wenn wir in
fremdes Revier wildern.", erwiderte der Ermittler.
"Wissen Sie, diese Pappnasen von der SoKo und vom LKA könnten höchstens den
Verkehr regeln, einige. Machen sie es besser und ... enttäuschen sie mich nicht,
sonst..."
"Kann ich den Verkehr regeln. Alles klar.", sagte Wolff und verließ seinen Chef.
Zurück im Büro erwartete ihn eine Überraschung. Sarah wartete dort mit neuen
Ergebnissen auf Wolff.
„Sarah! Schön dich so schnell wieder zu sehen. Was hast du für uns?“
Dr. Herzog wedelte mit ein paar Untersuchungsprotokollen. „Das Schlangengift mit
dem das Opfer getötet wurde und das Gift der verschwundenen Schlange ist
identisch. Das heißt wir können davon ausgehen, dass es sich um die gleiche
handelt.“
Wolff und Tom nickten zustimmend. Das Ergebnis hatten sie erwartet. „Ich hab da
aber noch was. Im Therarium des Tieres haben für feinste Spuren von Marmorstaub
gefunden.“
„Und woher soll der sein?“ „Tja Tom, irgendwas müsst aber auch ihr herausfinden.
Ich kann ja nicht alles machen.“ Bemerkte Sarah spitz und schmunzelte über Toms
bedepperten Gesichtsausdruck.
„Ich lass euch wieder alleine! Viel Erfolg!“ Und weg war sie.
Die Kommissare werteten gemeinsam die neuen Ergebnisse aus. „Also entweder
dieser Ex hat ihn zur Strecke gebracht oder jemand will den Verdacht auf ihn
lenken. Ich meine das wäre ja ein Riesengroßer Zufall wenn unser Meisterdieb
ausgerechnet sein Gift von dem Verflossenen des Wachmanns besorgt?“
Da musste Wolff ihm Recht geben. In irgendeiner Verbindung musste der Biologe
zum Mord stehen.
„Mal was anderes… wie hat unser Staatsanwalt auf deine Bitte reagiert?“
„Genauso wie ich es erwartet habe!“ log Wolff mit einem breiten Grinsen und
zeigte stolz die schriftliche Genehmigung.
"Schau an, dachte er ist so unkooperativ. Da hab ich mich wohl geirrt.", feigste
Tom.
"Sag mal, wurde nicht im Pergamonmuseum an einer Marmortreppe gebaut?", fragte
Wolff.
"Stimmt, ich erinnere mich. Dann muss jemand aus dem Museum die Schlange
entwendet haben. Lass uns noch mal dorthin fahren.", schlug Tom vor. Gerade
wollten die beiden Kommissare ihr Büro verlassen, als Hauptkommissar Joe Hoffer
und seine Assistentin zur Tür hereinkamen.
Der LKA-Mann baute sich vor den beiden auf, die Hände in den Hosentaschen, im
Mund ein Zigarillo.
"Wie ich gehört habe, hat ihnen der Staatsanwalt Erlaubnis zur
Parallelermittlung gegeben?", sagte er zu den Beiden und schaute besonders auf
Tom herab.
"Ja, das ist war. Hier ist das Papier. Ich hoffe, wir können jetzt das
Kriegsbeil gegraben und zusammen diesen Dieb fangen.", schlug Wolff vor und
hielt ihm das zusammengefaltete Dokument hin. Er würdigte es keines Blickes,
sondern nahm seinen Zigarillo aus dem Mund und tippte Wolff gegen die Brust.
"Sollten sie irgendwelche neuen Erkenntnisse haben, will ich, dass diese sofort
an meine Leute weitergegeben werden. Sie werden mir diese Chance nicht vor der
Nase wegschnappen und den ganzen Ruhm einheimsen.", meinte Hoffer, drehte sich
um und verschwand.
Seine Assistentin blieb noch und versuchte ihren Chef zu entschuldigen. "Bitte
verzeihen sie seinen Auftritt, aber er sieht es als persönliche Angelegenheit
an, diesen Typen dingfest zu machen.", erklärte sie und verschwand dann auch.
Wolff und Tom machten sich wieder auf ins Pergamonmuseum. Auf den Weg dorthin
überlegte sich Wolff, wie man diesem Phantom eine Falle stellen könnte. Dann kam
ihn die rettende Idee. Aus den Akten ging hervor, dass dieser Dieb es nur auf
historisch wertvolle Gegenstände abgesehen hatte. Was lag da näher, als eine
perfekte Reproduktion eines Gegenstandes mit einem Peisender zu versehen und so
das Versteck aufzuspüren. Nur welchen Gegenstand sollte man nehmen? Wolffs
Gedankenfluss wurde durch das Anhalten seines Wagens unterbrochen. Sie waren
schon am Museum angelangt.
Sofort gingen sie durch den Haupteingang und betraten die marmorversehene Halle.
Es waren viele Leute da. Fast ganz Berlin wollte sich an diesem Tag die "Schätze
aus der Römerzeit", die derzeitige Ausstellung, ansehen. Die Ermittler hatten
Mühe durchzukommen.
"Man, das letzte Mal war ich
solch Menschenmengen, am Flughafen ausgesetzt.", meinte Tom so vor sich hin.
"Ich weiß, es ist sehr beengend. Hier kann man wirklich schon Platzangst
kriegen.", erwiderte Wolff.
"Wie hast du dir eigentlich das mit der Falle vorgestellt?", wollte Tom von
seinem Chef wissen.
"Ganz einfach, wir geben eine billige Kopie von einem historisch aussehenden
Gegenstand eine wertvolle Geschichte, versehen diesen mit einem Peilsender und
fangen so unseren Meisterdieb.", erklärte sein Chef.
"Und was für einen Gegenstand willst du da nehmen?", fragte Tom neugierig.
"Das ist dann deine Aufgabe, ein geeignetes Objekt auszusuchen.", erwiderte der
Hauptkommissar grinsend.
"Ich? Aber ich kenne mich doch in solchen Dingen nun wirklich nicht aus.",
entgegnete Tom. "Und der einzige, der sich damit auskennt und den ich kenne,
weilt zur Zeit noch im warmen Frankreich.", fügte Tom hinzu, doch Wolff ließ
sich davon nicht beeindrucken und ging weiter durch die Menschenmassen nach
oben, über die Marmortreppe.
Plötzlich kam Tom eine Idee. Er fasste Wolff an die Schulter. "Warte mal, ich
hab da so eine Idee.", sagte er, nahm sein Handy und telefonierte mit seinen
Eltern. Er hatte sich nämlich daran erinnert, dass sein Großvater immer einen
sehr alten und schönen Gehstock besaß, obwohl er noch bis zuletzt gut zu Fuß
war. Nun fragte Tom seinen Vater, ob er ihn den zuschicken könne, da der
Großvater den Gehstock seinen Enkel Tom geschenkt hat, er ihn aber nie mit nach
Berlin genommen hat.
"Wirklich? Danke, Papa, du bist und bleibst immer noch der Beste.", sagte der
Kommissar und legte auf.
"Was hast du jetzt schon wieder für eine Idee?", fragte sein Chef. Tom erzählte
ihm von dem wertvollen Gehstock, den sie als Gehstock von Konrad Adenauer
ausgeben werden und somit den Dieb bald fangen werden.
" Wirklich eine gute Idee, Tom. So und jetzt reden wir mit dem Direktor noch
darüber. Dann suchen wir uns diesen Wachmann.", befahl Wolff.
Beide gingen in den dritten Stock hinauf und suchten das Büro von Direktor Dr.
Alexander Winkler auf.
Sie informierten den Direktor über ihren Plan. Während Wolff sprach hörte
Winkler interessiert zu und lief nachdenklich durch sein Büro. „Hmm, und sie
denken, dass er genau hier in meinem Museum erneut zuschlagen wird?“
„Der Kunstgegenstand wird ihn locken. Vertrauen sie uns! Ich möchte dass so
wenig Mitarbeiter wie möglich eingeweiht werden!“
Empörte Blicke trafen den Hauptkommissar. „Sie glauben doch wohl nicht, dass es
einer meiner Leute war?“
„Was ich glaube ist völlig unwichtig. Bitte halten Sie sich einfach daran!“
Wolff und Winkler besprachen alles weitere für die Falle, die schon in den
nächsten Tagen gestellt werden sollte. Doch vorher musste erst bekannt gemacht
werden, dass dieser „kostbare“ Gehstock sich im Museum befand. Tom wusste auch
schon genau wie.
Als die Beiden das Büro verließen, sah Wolff seinen jungen Kollegen ermahnend an
und wollte gerade zu schimpfen beginnen, doch Tom fiel ihm ins Wort. „Du hast
das toll gemacht, was sollte ich da noch sagen?“ Mit einem breiten Grinsen lief
er neben ihm her. „Ich bin nur erstaunt wie ruhig du manchmal sein kannst. Du
kannst doch sonst nicht deine Klappe halten.“
„Ach komm Wolff, meine locker flockige Art gefällt dir doch gerade gut.“
Bemerkte Tom trocken. „Aber zurück zum Thema, ich weiß schon wer publik machen
kann, dass dieser Stock hier rumliegt.“ Die Beiden nickten sich zustimmend an.
Verena mit einzuspannen war eine klasse Idee. Zumalen sie sowieso die ganze Zeit
unbedingt über diesen Fall berichten wollte. Und so konnte sie sogar helfen.
Außerdem konnte Tom sich damit bei ihr einkratzen. Danach gab es bestimmt keine
Diskussionen mehr über seine Fähigkeiten als Papa. Zumindest vorerst.
Doch jetzt galt es erstmal den Wachmann zu finden. Das war gar nicht so einfach
ihn unter den vielen Besuchern ausfindig zu machen. Doch dann erblickten sie ihn
in einem abgesperrten Bereich. „Halt! Hier ist kein öffentlicher Zutritt!“
blaffte er die Kommissare an als sie ihm folgten. „Herr Köstritz, wir sind von
der Kriminalpolizei und ermitteln im Fall ihres ermordeten Kollegen. Können wir
irgendwo ungestört reden?“
„Oh entschuldigen sie bitte, ich hab sie nicht gleich erkannt! Wir gehen in den
Aufenthaltsraum… Eine tragische Sache mit Herbert. Er war ein feiner Kerl.
Kaffee?“
„Nein danke!“ sagte Tom scharf. Irgendetwas an diesem Mann gefiel ihm nicht.
Wolff setzte den Wachmann über den Plan in Kenntnis und bat ihm um Mithilfe.
Schließlich sollte alles so normal wie möglich wirken. Tom hielt das für keine
gute Idee, immerhin könnte auch er in diesem Fall verwickelt sein. Doch Wolff
war dieses Mal schneller mit dem Wort als sonst er. Also blieb Tom nichts
anderes übrig als den Dingen seinen Lauf zu lassen.
"Interessant, und sie meinen, dass sie damit den Meisterdieb zu fassen
kriegen?", fragte der Wachmann.
"wir werden sehen. Vor allem ist wichtig, dass keiner ihrer Leute etwas, ohne
unsere Zustimmung unternimmt. Und vor allem stillschweigen darüber.", mahnte
Wolff.
Zurück im Büro bereiteten sie die Technik darauf vor. Währenddessen kam ein
Blitz-Kurier für Tom und brachte den Gehstock seines Großvaters. Tom packte ihn
aus. Es war wirklich ein wunderschöner Gehstock mit kleinen Verziehrungen und
einem Emblem vorne dran.
"Wirklich ein wunderbares Stück Holz.", staunte Wolff und betrachtete ihn. Tom
schwelgte derweil in Erinnerung an seinen Großvater, wie er damit immer aus dem
Zug gestiegen ist, wenn er die Familie besuchte und immer was für den kleinen
Enkel dabei hatte.
Plötzlich kam der Leiter der SoKo ins Büro und wirkte dieses Mal etwas
kooperativer. "Guten Abend, die Herren. Ich hörte von ihrem Plan, den
Meisterdieb zu fangen?", sagte er kleinlaut. Wolff zeigte auf den Gehstock und
meinte: "Bitte schön, der Specke mit dem wir die Maus fangen werden." Hoffer war
beeindruckt. Anscheinend hatte der Staatsanwalt ihm einen Rüffel verpasst.
"Wissen Sie, ich hege einen Verdacht, seit dieser Meisterdieb das erste Mal
aktiv ist, habe ich eine Assistentin. Und jedes Mal, wenn wir auf der Lauer
lagen, war sie immer verschwunden. Ich dachte, das sollten sie wissen.", sagte
er und ging wieder. Wolff und Tom sahen sich an. Eine Polizistin soll so etwas
fertig bringen?
Tom fuhr jetzt erstmal nach Hause, um mit Verena zu reden. An der Tür wurde er
schon von Luis begrüßt, der ihn stürmisch in die Arme schloss.
"Na Großer, wie geht’s dir?", fragte Tom und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
"Gut Tom, Mama macht uns heute Hähnchen zum Abendbrot.", erzählte der Kleine.
Tom ging mit ihm in die Küche, wo auf dem Tisch die Wiege mit Marie stand und
Verena ihr gerade das Fläschen gab. Tom gab ihr einen Kuss zur Begrüßung und
nahm ihr dann Mariechen ab.
"Danke Tom, ich muss sowieso nach den Hähnchen schauen. Gibt es schon etwas
Neues in eurem Fall?", fragte sie.
"Ja wir haben vor ihm eine Falle zu stellen, nur wissen wir noch nicht, wie wir
es ihm schmackhaft machen können.", log er mit einem innerlichen Grinsen.
"Oh, lasst mich das machen. Worum geht es denn dabei?", fragte Verena aufgeregt.
"Ich weiß nicht..." "Komm schon", erwiderte sie mit treuem Blick, dem keiner
widerstehen konnte. "Also schön, es geht um den Gehstock von Adenauer. Der wird
übermorgen im Pergamonmuseum ausgestellt. Das perfekte Ziel für diesen
Fantomas.", meinte Tom.
Am nächsten Tag erklang es im Autoradio. "Heute wird im Pergamonmuseum der
längst verloren geglaubte Gehstock von Konrad Adenauer ausgestellt, den er
während seiner letzten Lebenstage trug und der einen Wert von 50.000 Euro hat.",
schallte Verenas Stimme durch jedes Radio.
"Na also.", dachte Wolff, als er das auf dem Weg zum Büro hörte.
Sehr zu seinem Erstaunen wartete dort schon Tom. „Hat sie nicht eine süße Stimme
im Radio?“ war das erste was er zu hören bekam. Schmunzelnd begrüßte er seinen
Kollegen und setzte sich zu ihm.
„Ich habe heute Morgen schon mit Hoffer telefoniert. Im Museum ist alles soweit
fertig. Das heißt es kann jederzeit losgehen. Und das bedeutet…“
„Schlaflose Nächte…“ „Richtig Tom! Du willst doch dabei sein, wenn wir Fantomas
fangen oder?“
Ja das wollte er. Ihn interessierte es brennend wer zu solch Diebesgängen in der
Lage war. In seinen Gedanken sah er einen athletischen jungen Mann vor sich, der
in der Lage war seinen Körper wie ein Schlangenmensch zu verbiegen. „Bestimmt
jemand aus dem Zirkus.“ Murmelte er vor sich hin.
„Was?“ „Ach nichts!... Was machen wir bis dahin? Ich meine, tagsüber wird er
wohl nicht seinen Raubzug starten. Jetzt wo das Museum vor Besuchern nur so
wimmelt.“
Wolff kam nicht zum Antworten. Ein Klopfen an der Tür kündigte Verena an. Sie
strahlte bis über beide Ohren, begrüßte ihren Vater und nahm auf Toms Schoß
Platz. „War ich nicht super?“
„Ja war nicht schlecht…“ bemerkte der trocken. „Eh!“ Ein sanfter Stoß an die
Schulter überredete ihn seine Antwort noch mal zu überdenken. Mit einem breiten
Grinsen gab er ihr einen liebevollen Kuss und bestätigte ihr, wie toll sie das
Ganze gemacht habe.
„Wo ist eigentlich Marie?“ „ Bei Katrin. Sie hat sich bereit erklärt ein paar
Stunden auf sie aufzupassen. Ist doch nett oder?“
Wolff sah belustigt zu den Beiden und ganz besonders zu Tom. Seinen bedepperten
Gesichtsausdruck wollte er sich nicht entgehen lassen. Katrin war zwar die beste
Freundin von Verena, aber keinesfalls die von Tom. „Ja und wie… meine arme
Tochter…“ fügte er etwas leiser hinzu. „Was?“ „Nichts, nichts!“
„Du Papa, kommst du nicht mal kurze Zeit ohne Tom aus? Nur für ein zwei
Stunden.“ Mit ihrem treuherzigsten Blick versuchte sie Wolff zu überreden. So
richtig passte ihm das nicht, aber er konnte ihr schon immer schlecht einen
Wunsch abschlagen.
„OK, aber in zwei Stunden bist du wieder hier! Wir haben schließlich genug
zutun!“ Das ließ Tom sich nicht zweimal sagen.
„Danke Wolff!“ Verena drückte ihm einen Kuss auf die Wange und zog Tom hinter
sich her.
Während die Beiden ihre gemeinsame Zeit genossen, ging Wolff noch mal genau den
Plan durch. Er hoffte inständig dass alles klappte. Der Staatsanwalt verließ
sich auf sie, auf keinen Fall wollte er ihn enttäuschen. Wenn das in die Hose
gehen würde, rücke er in Zukunft bestimmt nicht mehr so leicht mit
Sondergenehmigungen raus.
Am Abend war dann alles
vorbereitet. Das Museum schloss seine Pforten, der letzte Besucher war gegangen
und nur noch die Wachmänner waren im Museum.
Der Gehstock wurde unter eine sichere Glasvitrine getan und vom höchsten
Sicherheitssystem abgeschirmt. Kameras waren auf die Vitrinen gerichtet und
sahen von allen Ecken und Enden den Raum ein.
Wolff hielt sich bei den Technikern im Überwachungsraum auf, während Tom unten
im Wagen den Standort des Peilsenders im Auge behielt, die jedoch nicht allzu
standhaft waren und immer wieder zu fielen.
Auch Hauptkommissar Joe Hoffer stand mit seinen Männern bereit. Er sorgte in der
näheren Umgebung des Museums für Sicherheit. Immer wieder wurden die Leute vom
schnellen Vorbeifahren der auf dem Eisenbahnviadukt verkehrenden Schnellzüge
aufgeschreckt, die mit quietschenden Geräuschen sich in die Kurve legten.
Nach zwei Stunden des Wartens passierte immer noch nichts, schließlich war es
schon drei Uhr morgens. Toms Augen waren nun endgültig zu gefallen. Doch die
Stimme seines Chef durch das Mikrofon ließ ihn wieder aufschrecken.
"Tom, werd wach. Da tut sich etwas.", meldete Wolff, als er auf den Außenkameras
am Dach einen Schatten bemerkte. "Alle Einheiten auf Position.", flüsterte er
ins Headset.
Sofort und ganz leise nahmen Wachmänner und Zivilfahnder ihre Positionen ein.
Der Schatten machte sich an einem der Dachfenster mit einem Glasschneider zu
schaffen. Wolff und die Technik beobachteten akribisch jede Bewegung, die dieses
Individuum zu tun schien. Es seilte sich in einen unbewachten Nebenraum ab,
indem keine Kameras waren.
"Verdammt, er scheint sich hier auszukennen.", fluchte Wolff. "An alle, er ist
in Raum B4, dritter Stock.", meldete Wolff.
Plötzlich ging das Licht im Raum mit der gläsernen Vitrine aus, nur noch der
Schein einer Taschenlampe war zu sehen. Auch die Alarmanlage wurde abgeschaltet.
Wolff und der Museumsdirektor sahen, wie Fantomas sich an der Glasvitrine zu
schaffen machte, ein großes Loch hinein schnitt und dann mit einem gekonnten
Griff den Gehstock entwendete.
"Der Fisch hat angebissen, ich wiederhole: Der Fisch hat angebissen. Alle Angler
auf ihre Positionen.", wies Wolff an. Sofort umstellten die Zivilfahnder der
SoKo den Raum. Alles wartete auf Wolffs Kommando.
Fantomas steckte den Gehstock in einen
Rucksack und wollte den Raum verlassen. „Zugriff“ brüllte Wolff und die Männer
der SOKO stürmten den Raum. Doch leider hatten sie nicht mit der Wendigkeit
dieser Person gerechnet. Gekonnt huschte sie zwischen den Personen zum nahe
liegenden Fenster, balancierte Zirkusartig auf den schmalen Fenstersims entlang
und sprang über mehrere Vordächer auf den sicheren Boden. „Wieso ist denn da
unten keiner?“ kritisierte Wolff wütend. Doch das stimmte nicht ganz. Tom,
inzwischen wieder hellwach, packte den Dieb am Kragen. Der wehrte sich aufs
heftigste und schlug wild um sich. Doch alles Zappeln nützte nichts. Tom hatte
sie fest im Griff.
Hoffer und Wolff liefen im Schnellschritt zu ihrem Kollegen. „Gute Arbeit,
Borkmann.“
„Oh Danke und so was aus ihrem Munde…“ Hoffer ignorierte den Kommentar und zog
Fantomas die Maske vom Gesicht. „Sie?“ Alle 3 sahen entsetzt in das Gesicht
einer jungen Frau, der Assistentin von Hoffer. „Abführen!“ Zwei Beamte brachten
sie in einen Streifenwagen.
„Meine Güte und da denkt man man kennt seine Leute.“ „Bitte geben sie uns
Bescheid wenn wir sie verhören können.“ Bat Wolff freundlich und machte sich mit
Tom auf den Weg ins Büro. „Und wie erklärst du das Verena?“ Mit einem breiten
Grinsen deutete Wolff auf vier dicke Kratzer in Toms Gesicht. „Hmm das hab ich
noch gar nicht gesehen… dieses Miststück. Na ja ich denk doch mal dass du mich
unterstützt, wenn Verena mir schlimme Sachen unterstellt!?“
Wolff und Tom gingen wieder
nach oben ins Museum. Dort wartete schon aufgeregt der Direktor.
"Und, haben sie den Dieb?", fragte Doktor Alexander Winkler mit
schweißtriefender Stirn.
"Ja, Herr Doktor, es ist vorbei. Ihr Museum ist wieder in Sicherheit.",
erwiderte Wolff.
"Und der Dolch?", hakte der Direktor nach.
Wolff musste innerlich schmunzeln. "Wir werden noch gleich heute eine
Hausdurchsuchung unternehmen und ihnen den Dolch bringen.", antwortete der
Hauptkommissar. Toms Gesicht war da aber anderer Meinung. Eine Durchsuchung nach
so einem nervenaufreibenden Einsatz und dann noch um 4:00 Uhr morgens. Was würde
Verena sagen, wenn sie aufwacht und ihr Liebling liegt nicht neben ihr? Das
würde eine Diskussion ohne Ende geben. Aber Wolff hatte den Einsatz schon
festgelegt und ob er wollte oder nicht, er musste mit.
Aus dem Personalausweis kannten sie nun die Adresse und fuhren mit zwei weiteren
Streifen dorthin. Es war eine der gehobeneren Wohngegenden direkt an der Spree
gelegen. Von dort hatte man einen schönen Blick aufs Brandenburger Tor und den
Reichstag.
Ihre Wohnung war nicht gerade klein, weshalb die Beamten sehr viel zu tun
hatten. Jedes Regal, jeder Schrank wurde auf ein Versteck hin untersucht und
auseinander genommen. Plötzlich entdeckte ein Polizist hinter einem Wandteppich
eine Tür, die abgeschlossen war.
"Herr Hauptkommissar, ich hab was gefunden.", rief er Wolff zu. Sofort waren er
und Tom bei dem Beamten und schnell wurde das Schloss aufgebrochen. Die Tür
führte in eine kleine, wenn auch geräumige Rumpelkammer, indem das ganze
Diebesgut untergebracht war. Gemälde, Statuen und Vasen, aber keine Spur von dem
Dolch, den der Louvre in einer Woche wiederhaben will. "Tja, wir haben zwar den
Dieb, aber nicht das was wir suchen und so, wie es hier aussieht, glaube ich
nicht, dass sie sich mit Schlangengift auskennt.", meinte Tom. Wolff nickte
zustimmend. "Du magst recht haben. Mal sehen, was das Verhör heute bringt. Jetzt
fahren wir erst Mal nach Hause, es wird ja schon hell.", sagte Wolff und deutete
auf die rote Morgensonne, die über der gläsernen Kuppel des Reichstages aufging
und einen schimmernden Glanz auf dem Glas hinterließ.
Tom machte sich müde und völlig erledigt auf den Heimweg. Die Straßen waren
leer, sodass er nicht viel auf den Verkehr achten musste.
Währenddessen waren Wolff und
Hoffer dabei, die Verdächtige zu verhören.
Die junge Dame, von gerademal 32, war kooperativ und gab die meisten Einbrüche
zu. Frau Bach kam aus einer berühmten Artistenfamilie. Sie begründete dies mit
einer ausgeprägten Schizophrenie, die sie seit einem Sturz vom Balken, als
junges Mädchen, hatte. Diese Krankheit trat jede Nacht hervor und eigentlich war
sie mit Medikamenten zu heilen, doch ihr fehlte für diese teuere Arznei einfach
das passende Geld. So ging sie jede Nacht auf Einbruchstour.
"Warum haben sie den Wachmann umgebracht?", fragte Wolff.
"Das habe ich nicht. Ich habe noch nie jemandem etwas zu Leide getan.",
erwiderte die junge Frau.
"Jemand hat aber den Wachmann ermordet, um an den Dolch zu kommen. Und wenn sie
das nicht waren, wer sollte es dann gewesen sein?", fragte Hoffer energisch und
wütend.
Da drehte sich die junge Frau um, schaute ihn tief in seine Augen und sagte:
"Der andere Wachmann hat ihn ermordet."
Wolff und sein Kollege schauten sich fragend an. "Wie sollen wir das
verstehen?", fragte Wolff.
"Ich habe durch das Dachfenster, welches sich genau über der Vitrine befand, wie
die beiden miteinander gestritten haben, dann drehte sich der eine um und sein
Kollege zückte etwas aus seiner Jackentasche und jagte ihm das Ding in den Hals.
Dann schaltete er die Alarmanlage aus, nahm den Dolch an sich und schaltete die
Anlage wieder ein. Weil es nichts mehr zu holen gab, verschwand ich.", erklärte
Frau Bach. Wolff legte ein Foto von Köstritz vor. "Ist das der Mann?", fragte
der Ermittler. Die Frau bestätigte dies.
Wolff und Hoffer gingen einen Moment nach draußen. "Glauben sie ihr?", fragte
der LKA-Kommissar.
"Sie scheint nicht der Mensch zu sein, der einen anderen wegen eines
Gegenstandes einfach umbringt. Ich glaube ihr. Mir scheint, der Wachmann
verschweigt einiges. Wurden die Videobänder überprüft, die in der Mordnacht
gemacht wurden?", fragte Wolff. "Noch nicht, das Museum wollte sie uns
zuschicken, doch es sind noch keine eingetroffen.", erwiderte Joe Hoffer. Jetzt
wurde Wolff einiges klar und er glaubte auch zu wissen, warum Herr Kramer
sterben musste.
Die beiden fuhren mit Blaulicht zum Museum, in der Hoffnung, dass noch niemand
die Videobänder durchgesehen hatte.
Tom hingegen war so geschafft
von der letzten Nacht, dass er nur noch seine Sachen von sich warf, wie ein
Stein ins Bett fiel und sofort einschlief. Zu seinem Glück hatte Verena nichts
bemerkt und als sie sich umdrehte, fühlte sie den warmen Körper ihres Freundes
neben sich liegen.
Wolff indessen war kurz davor den Fall zu lösen. Er und Hoffer erreichten das
Pergamonmuseum, wo ihnen der Direktor auf der Treppe entgegen kam. "Nanu Herr
Wolff, sie arbeiten noch? Ich denke, sie haben den Täter?", fragte er etwas
spöttisch. Wolff drehte sich zu ihm und fragte ihn wo die Videobänder seien, die
am Abend des Mordes gemacht wurden. "Die liegen im Technikraum. Sie müssen erst
noch ausgewertet und archiviert werden.", erklärte Dr. Winkler. Wolff und sein
Kollege hasteten die Treppen hoch, durchs Museum zum Technikraum.
Dort machte sich gerade Herr Köstritz dran die Bänder durchzusehen. Er suchte
das Band, welches ihn schwer belastet. Vier von den Aufzeichungen hatte er schon
durchgesehen, jetzt bei der fünften war er fündig geworden. "Na also", sagte er.
Er nahm das Band heraus und wollte gerade den Technikraum verlassen, als Wolff
ihm den Weg versperrte. "Wo wollen sie denn hin, Herr Köstritz?", fragte Wolff
noch ganz außer Atem.
"Ähm...ich...ähm, wollte... wollte das Band hier ins Archiv bringen, ja genau.",
stotterte er.
"So, warum? Schauen wir uns das Video doch mal an.", schlug Hoffer vor, nahm dem
Mann das Band ab und schob es in den Recorder. Er spulte ein wenig zurück und da
sah man es: Köstritz stach mit einer Spritze in den Hals des Wachmannes Kramer,
stahl dann den Dolch und verschwand aus dem Raum.
"Können sie uns das erklären?", froderte Wolff ihn auf.
Der Mann sackte zusammen. "Herbert und ich wollten den Dolch stehlen und dann
das Museum um die Versicherung erpressen. Doch plötzlich wollte er nicht mehr
mitmachen, wollte mich sogar ans Messer liefern, wenn ich das durchziehen würde.
Da bin ich bei seinem Freund ins Labor eingebrochen, hab die Schlange geholt,
ihr ein wenig Gift abgezapft und ihn dann damit ermordet.", sagte er kalt.
"Wo ist die Schlange und, was noch viel wichtiger ist, wo ist der Dolch, sie
mieses Wiesel?", fauchte Hoffer.
Der Wachmann führte beide zu sich nach Hause. In einer Holzkiste war die
Schlange untergebracht, doch sie war verhungert. In einem dicken und hohlen
Buchwälzer war dann auch der Dolch versteckt.
"Und das alles nur wegen des Geldes.", sagte Wolff und ließ ihn abführen. Jetzt
konnte auch er endlich nach Hause und ein wenig schlafen.
Am nächsten Morgen brachte er das wertvolle Stück zum Museumsdirektor, der schon
sehnsüchtig darauf wartete. Damit war wieder ein schwieriger Fall abgeschlossen.
ENDE